Nutzungsgeschichte

Von ihrer Einweihung 1860 bis zu den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war die Trinitatiskirche zu Köln eine Gemeindekirche wie jede andere auch: Vier Pfarrer betreuten 1860 rund 11.000 Gemeindeglieder dieses Bezirks der Evangelischen Gemeinde Köln. In den nächsten 100 Jahren wuchs die Zahl der Protestantinnen und Protestanten, die im Gebiet rund um den Filzengraben lebten, ständig: Bei ihrer Wiedereinweihung nach der langwierigen Beseitigung der Kriegsschäden 1965 hatte der »protestantische Dom« rund 50.000 Gemeindeglieder. Doch nur zwölf Jahre später hatte sich die Situation grundlegend geändert: 1977 wohnten nur noch 29.000 Protestantinnen und Protestanten im Seelsorgebezirk der Trinitatiskirche. Vor allem Familien suchten sich lieber eine Wohnung in ländlicheren Gebieten. So wurde die Trinitatiskirche als »reine Gemeindekirche« zunehmend untragbar. Darum übernahm sie ab 1977 der der Evangelischen Gemeinde Köln übergeordneten Verband – bis 2006 »Evangelischer Stadtkirchenverband Köln«, heute Evangelischer Kirchenverband Köln und Region – als repräsentative Verbandskirche. Das korrespondierte mit der ursprünglichen Nutzungsabsicht, als sich König Friedrich Wilhelm IV. in ihrer Entstehungszeit die Trinitatiskirche als »schöne, würdige Kirche«, eben als »protestantischen Dom« gewünscht hatte, damit der evangelische Glaube mit der Signalwirkung, die von diesem Bau ausging, den »vielen herrlichen katholischen Kirchen Kölns ebenbürtig« sei. Dieser Wunsch war nicht in Vergessenheit geraten: Auch 1965 war das Nutzungskonzept der Kirche darauf ausgerichtet, für Konzerte, Vorträge und größere kirchliche Veranstaltungen einen »würdigen Rahmen« zu bieten, wie Stadtsuperintendent Hans Encke anlässlich der Wiedereinweihung sagte.

 

Gehörlosengemeinde, Kirchbautag und bewegliche Stühle
So war das Nutzungskonzept der Trinitatiskirche ab 1977 klar: Sie sollte Repräsentationszwecken des Verbands dienen und gemeindeübergreifende Aufgaben erfüllen. Dabei gab es bis 2010 zwei Schwerpunkte: Zum einen wurde sie zur gottesdienstlichen Heimat der evangelischen Gehörlosengemeinde. Seit 2011 hat die Gehörlosengemeinde Köln in der Kartäuserkirche neue Räume gefunden. Zum anderen diente die Trinitatiskirche der Begegnung von Religion und Kunst. Ein wichtiges Datum auf diesem Weg war der viertägige Kirchbautag, der 1993 in Köln stattfand. Dabei wurde die Trinitatiskirche für Eröffnungs- wie Schlussgottesdienst, Workshops, Diskussionen und Konzerte genutzt. Und unter dem Eindruck der Erkenntnisse aus dem Kirchbautag über dessen Thema »Raum und Ritual« verabschiedete sich man von der festen Bestuhlung und entschied sich für die heute noch praktizierte Lösung der beweglichen Stühle. Viele der später stattfindenden Kunst- und Kulturereignisse wurden dadurch erst möglich.

Konzerte gab es schon seit 1965 regelmäßig: weniger auf dem kleinen Orgelprovisorium, sehr wohl aber mit Chören oder Instrumentalensembles. Zu allen Zeiten beliebt waren – wie bereits bei der Einweihung 1860 – Posaunenklänge. Große, wiederkehrende Gottesdienstreihen waren beispielsweise die ökumenischen Thomasmessen oder der zentrale Gottesdienst zum jährlichen Weltgebetstag der Frauen im März. Außerdem gab es Gebete der Religionen, Gospelkonzerte, internationale Ökumenische Weihnachtsfeiern und vieles mehr – zum Beispiel die Reformationsfeiern, immer am 31. Oktober.

 

Reformationsfeiern und 200 Jahre evangelisches Köln
Rund um die Zeit des Reformationstags fand seit 1950 jährlich die »Evangelische Woche in Köln« statt – und zwar in den Messehallen. Dabei wurde auch die Trinitatiskirche regelmäßig als Ort für »geistliche Konzerte« eingeplant. Bis 1996 war allerdings die Zahl der Gäste so weit gesunken, dass die Messehallen zu groß wurden. Da gleichzeitig an der Idee einer zentralen Reformationsfeier festgehalten werden sollte, wurde die Trinitatiskirche ab 1997 zum Veranstaltungsort aller Reformationsfeiern des Verbands – von einigen Ausnahmen abgesehen, beispielweise, wenn im Altenberger Dom gefeiert wurde. Manche dieser Feiern – etwa die dreiteilige Reihe »Glaube – Liebe – Hoffnung« von 2000 bis 2002 mit Musik von Pop bis Klassik und Jazz, Rezitation, Talk und prominenten Gästen - waren so gut besucht, dass bis auf die Emporen kein Platz mehr zu finden war. Die jährlich wechselnden Themen dieser Reformationsfeiern definieren sich bis heute als aktuelle theologische Zeitansagen. Oder sie haben einen konkreten Bezug, beispielsweise zu historischen Ereignissen. Als im Jahr 2002 »200 Jahre evangelisches Köln« gefeiert wurde, wurde die Trinitatiskirche zum Schauplatz eines festlichen ARD-Fernsehgottesdienstes und zum Ort der Ausstellung »Blaukopp – 200 Jahre Protestanten in Köln«.

 

Die »Ära Witschke«
Was die Begegnung von Kunst und Kirche angeht, so hat Berufsschulpfarrer Erich Witschke, der von 1992 bis 2010 als Kurator und Kunstbeauftragter des heutigen Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region aktiv blieb, für echte »Sternstunden« gesorgt. Für ihn waren die »strenge, klare Architektur, ihr weiches Licht und der leere, lose bestuhlbare Raum« der Kirche die wichtigsten Kriterien für die von ihm konzipierten Ausstellungen. »Raum-Themenklang« der Kirche nannte er das. Und den setzte er gezielt ein, um Phänomene in der zeitgenössischen Kunst, ihre Behauptungen und Analysen öffentlich und kontrovers zu diskutieren. Denn er war der Ansicht, dass Kirche sich nicht aus gesellschaftlichen Kontexten zurückziehen dürfe. Kultur ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Kunst in der Kirche aber müsse für sich stehen, dürfe weder schmückendes Beiwerk für Religion sein, noch von der Theologie vereinnahmt werden. Auch wenn dieser Ansatz manchmal nicht so leicht zu verstehen war: Zum Beispiel in der meistrezipierten Ausstellungen, der »Aktionsmalerei Relikte Fischaktion« von Hermann Nitsch Ende 1995. Witschkes zentrales Anliegen bei dieser wie bei allen anderen Ausstellungen war die Annäherung von Kunst und Religion. Für ihn eine ursprüngliche Verbindung, die vor allem im protestantischen Denken verloren gegangen sei und nur durch langsames, vorsichtiges Sich-Einander-Annähern im gemeinsamen Dialog wieder hergestellt werden könne. Dabei wurde immer strikt zwischen der gottesdienstlichen/liturgischen Geste und der Position des jeweils ausstellenden Künstlers getrennt. Der Dialog zwischen diesen beiden Positionen wurde stets aufs Neue gesucht: Etwa im Gespräch zwischen den Kunstschaffenden und Theologen oder Politikern. Oder in der Reihe »vis à vis«, in der es ab dem Jahr 2000 in Kooperation mit der evangelischen Melanchthon-Akademie und dem sozial-ethischen Ausschuss um eine Annäherung von Kunst, Religion und Sozial-Ethik ging: Die Ausstellungen mündeten jeweils in einem »Gottesdienst vis à vis von Kunst«.

 

120 Ausstellungen = ein who is who der deutschen Gegenwartskunst
Ein wichtiges Kriterium zur Ausstellungsauswahl war stets der Raumbezug der ausgestellten Werke. Besonders gut gelang dies zum Beispiel mit der ersten Ausstellung nach dem Tod des Malers Michael Buthe Anfang 1995 in der Trinitatiskirche mit Bildern, die Buthe in Florenz gemalt hatte: Über den Bezug zur Frührenaissance am Entstehungsort der Werke wie am Ausstellungsort war eine Klammer geschaffen. Zudem waren Buthes Bilder noch nie in einer Kirche ausgestellt worden. So wenig wie die Arbeiten des Kölner Künstlers C.O. Paeffgen und manch anderer Künstler. Die einzige Kreuzskulptur von Louise Bourgeois dagegen war überhaupt noch nirgends öffentlich zu sehen, bevor sie 2004 in der Trinitatiskirche gezeigt wurden. Rund 120 Ausstellungen kuratierte Witschke . Und die Namen der ausgestellten Künstler lesen sich wie ein Who is who der Gegenwartskunst: Anna und Bernhard Blume, Alighiero e Boetti, Louise Bourgeois, Michael Buthe, Sandro Chia, Felix Droese, Marlene Dumas, Knopp Ferro, Wilhelm Gorré, Raimund Girke, Leiko Ikemura, Dieter Krieg, Stefan Laskowski, Loic le Groumellec, Jonathan Meese, Christa Näher, Hermann Nitsch, C.O. Päffgen, Michelangelo Pistoletto, Arnulf Rainer, Hunter Reynolds, Gerhard Richter, Pipilotti Rist, Cindy Sherman, Andreas Schulze, Wolfgang Tillmans, Franz Erhard Walther, Johannes Wohnseifer und viele weitere.

 

Dialog zweier gleichberechtigter Partner auf Augenhöhe
Videoinstallationen, Theateraufführungen, Lesungen, Fotoausstellungen, dramatische Aufführungen, Begegnungen verschiedener Kunstsparten zwischen Musik und Installation, Performance und Schauspiel, elektronischer Kunst und Skulptur, Lichtorgel und Tanz kamen dazu. Vieles waren Uraufführungen oder erstmals gezeigte Arbeiten, zu zahlreichen Ausstellungen ist ein Katalog erschienen, manche Ausstellung oder Aktion kam nur in enger Zusammenarbeit mit Kunststiftungen, international tätigen Sammlern oder Galerien zustande, die Frage der Finanzierung der hohen Qualitäts- und Organisationsstandards zum Beispiel durch Sponsoren spielte auch damals schon eine wichtige Rolle.

 

Fazit: Bild, Wort, Klang, Skulptur, Musik, Gottesdienst, Liturgie, Religion, Dialog, Gespräch und Streit, Dissonanzen und Harmonien – all dem kann ein geistig und räumlich offener Kirchraum wie die Trinitatiskirche Raum geben, oder, um es mit Erich Witschke zu sagen: Diese interdisziplinären, manchmal auch emotional geprägten Begegnungen zwischen Kunst und Kirche, aus denen im besten Fall ein Dialog zweier gleichberechtigter Partner »auf Augenhöhe« wird, sind vermutlich nur in der puristischen Architektur eines von der Rationalität des Protestantismus geprägten Raums wie dem der Trinitatiskirche möglich.